Mit Rilke gegen Rilke?

Wer Klaus Modicks „Konzert ohne Dichter“ (2015) mit einigem Genuss und nicht ohne Gewinn (vielleicht sogar mehr als nur einmal) gelesen hat, wird sich vielleicht an diese schöne Passage erinnern:

„Im Frühling, wenn das Torfmachen beginnt, erheben sie sich mit dem Hellwerden und bringen den ganzen Tag, von Nässe triefend, durch das Mimikry ihrer schwarzen, schlammigen Kleidung dem Moore angepaßt, in der Torfgrube zu, aus der sie die bleischwere Moorerde emporschaufeln. Im Sommer, während sie mit dem Heu- und Getreideernten beschäftigt sind, trocknet der fertigbereitete Torf, den sie im Herbst auf Kähnen und Wagen in die Stadt führen. Stundenlang fahren sie dann. Oft schon um Mitternacht klirrt der schrille Wecker sie wach. Auf dem schwarzen Wasser des Kanals wartet beladen das Boot und dann fahren sie ernst, wie mit Särgen, auf den Morgen und auf die Stadt zu, die beide nicht kommen wollen.“

Ein philologischer Pedant könnte nun möglicherweise einwenden, dass diese Sätze gar nicht aus Modicks „Konzert ohne Dichter“, sondern aus Rilkes Einleitung zu seinem Buch über die Worpsweder Maler stammen. Doch was soll dieses rechthaberische Bestehen auf négligeablen Unterschieden, wenn es doch bei Modick ganz ähnlich heißt:

„Im Frühling, wenn das Torfmachen begann, standen sie im Morgengrauen auf und brachten den ganzen Tag in den triefenden Gruben zu, aus denen sie die schwarze, bleischwere Moorerde emporschaufelten. Im Sommer waren sie, wie auch an diesem Tag, mit der kargen Heu- und Getreideernte beschäftigt, während auf großen Haufen die Torfsoden trockneten, die sie dann im Herbst auf Kähnen und Fuhrwerken in die Stadt brachten. Standen um Mitternacht auf, während auf den schwarzen Wassern der Kanäle schon die Boote warteten, und dann stakten sie ernst und wortlos, wie mit Särgen beladen, dem Morgen und der Stadt entgegen.“ (S. 52)

Es mag ein legitimes poetologisches Konzept sein, die eigenen fünf mit den angeeigneten fünfundneunzig Prozent so zu vermengen, dass etwas, nun ja, „Neues“ dabei herauskommt (und die zitierte Stelle ist keineswegs ein Einzelfall). Doch hätte ich mir vom Autor vorab oder im Nachhinein ein paar erläuternde Worte dazu gewünscht. Die äußerst knapp gehaltene finale „Note des Autors“, in der von „Quellen“ in Form von Tagebüchern und Briefen die Rede ist, dient eher der Verschleierung als der Offenlegung einer Poetik des amalgamierenden Zitierens und Plagiierens. Rilke komme in Modicks Buch schlecht weg, habe ich expressis verbis oder sinngemäß da und dort gelesen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Rilke selbst am Verfassen seiner Schmähschrift auktorial beteiligt war. Das ist wohl die schriftstellerische Variante jener asiatischen Kampftechnik, bei der man die Energie des Gegners nutzt, um diesen desto sicherer zu Fall zu bringen. Oder aber es handelt sich im Gegenteil (auch Liebe und Hass sollen ja mitunter kaum voneinander zu unterscheiden sein) um Modicks geheime Liebeserklärung an den im Bild fehlenden Dichter, welcher in der oben erwähnten Einleitung schreibt, Kunstwerke seien nichts anderes als „Rätsel, umgeben, geschmückt, überschüttet von Liebe.“