Halbtöne und Schatten

Das sprachliche Bild vom neuen oder anderen Licht, in dem man eine vermeintlich bekannte Sache neuerdings sehe (wodurch sich nicht selten neue Möglichkeiten oder Notwendigkeiten das Handelns ergeben) – dieses metaphorische Wort könnte ursprünglich in einer Bildhauerwerkstatt geprägt worden sein. Denn die Bedeutung des Lichts oder besser: der Beleuchtung für die Wirkung einer Skulptur oder Plastik in der Wahrnehmung kann gar nicht überschätzt werden. Was in der bildhauerischen Praxis regelmäßig beobachtet werden kann, scheint theoretisch bisher kaum reflektiert worden zu sein. Immerhin schreibt Michel Seuphor in seinem zu Beginn der 1960er Jahre entstandenen Aufsatz „Aufwertung der Plastik“: „Die Malerei wandelt das Licht um und zerstreut es; die Plastik benötigt es und hält es zurück.“ Und auf der folgenden Seite: „Um Bildhauerei zu verstehen, muß man zuerst die Halbtöne lieben lernen, die Schatten und die ruhigen Linien.“ (Seuphor 1967, S. 171 f.)