Bon anniversaire Peter Handke

Peter Handke wurde heute, das zumindest ist unstrittig, siebenundsiebzig. Wer seinen jüngsten Roman „Die Obstdiebin“ (2017) liest, muss, ob er will oder sie nicht, mit Alexia (nein: nicht Alexa) zu Fuß durch die Picardie nordwestlich von Paris. Das ist mühsam, nicht nur für alle, die ungern zu Fuß gehen, sondern anders mühsam auch für diejenigen, die beim Wandern oder schlimmer noch: Trekking schnell vorankommen wollen, etwa weil sie auf einem der zahllosen „Jakobswege“, die es auch in der Picardie gibt, Richtung Santiago de Compostela unterwegs sind:

„Auffällig an diesen Pilgern, daß sie sämtlich gar schnell daherkamen, und womöglich noch eiliger dahingingen. Das waren, obwohl sie schwiegen, andere Pilger als jene in dem alten Text, der von einem Neuen Leben tagträumt, und wo die Pilger ‚langsam‘ daherziehen, ’nachdenklich‘, und ‚von weit zu kommen schienen‘. Diese Pilger da kamen zwar wirklich – in der Realität – von weit. Aber es hatte nicht den Anschein, bei keinem von ihnen, so wie sie dahinhetzten, einander wiederholend, in Siebenmeilenstiefeln. Zwar grüßten sie zurück, wenn sie sich denn grüßen ließen, aber auch damit hatten sie es eilig, und es war zudem, als verstünden sie nicht, wie jemand sich in die Gegenrichtung bewegen könne – ja, als sähen sie die nicht bloß als die falsche, sondern überdies als eine unerlaubte.“ (S. 363)

Handkes Gangart beim Schreiben ähnelt einer beinahe oxymorotischen Mischung aus Stolpern und Tanzen. Was heißt Mischung: Was man als flüchtiger Leser für ein Stolpern halten könnte, ist in Wahrheit Sprach-Choreographie auf höchstem Niveau. Ein Leser, der nicht bereit und in der Lage ist, dem Autor als dessen einfühlsamer Sprach-Tanz-Partner die Führung zu überlassen und den nuancenreichen auktorialen Bewegungen in aufmerksam entspannter Hingabe zu folgen, wird mit der „Obstdiebin“ nicht glücklich werden. Wir anderen aber immer wieder.