Entwurfspräsentation

Acht Personen am Ende, von mir aus gesehen am linken Ende, der großen Sitzungstafel, ich ihnen schräg gegenüber an einer der beiden Breit- oder Längsseiten. Mein Modell im Maßstab eins zu zweikommafünf hatte ich rechts von mir auf den Tisch gestellt, so dass es von allen mehr oder weniger gut gesehen werden konnte. Dass Anfang Dezember um sieben Uhr abends mein sorgfältig ausgearbeitetes Holzrelief trotz des großen Maßstabs im künstlichen Deckenlicht nicht besonders plastisch wirken würde, war von mir erwartet worden.

Den Tag über hatte ich gedanklich an verschiedenen Möglichkeiten der Beschreibung dessen, was man am Modell sehen oder auch nicht so ohne weiteres sehen konnte, gearbeitet und dazu einiges ansatzweise zu Papier gebracht. Von den Äußerlichkeiten wollte ich mich vortasten zu den Innerlichkeiten oder Inhaltlichkeiten, mich zunächst aber für die Einladung zum Wettbewerb für eine „Skulptur oder Plastik“ auf dem Grötzinger Friedhof bedanken und nicht unerwähnt lassen, dass mich die frohe Botschaft im August im Vexin per E-Mail erreicht hatte. „Der Vexin“, wollte ich, so der Plan, sagen, „ist ein vorwiegend landwirtschaftlich genutztes Kalksteinplateau sechzig Kilometer nordwestlich von Paris. Große Felder, vereinzelt kleine, trotz der unübersehbaren Spuren des Verfalls gepflegt wirkende Dörfchen und schmale Landstraßen mit wenig Verkehr. Und dann die schönen alten Mauern, erbaut aus diesem wunderbaren Kalkstein! Wenn Sie im Sommer einmal nicht wissen, wo Sie Ihre Ferien verbringen sollen – fahren Sie in den Vexin“, hatte ich sagen wollen. Und hatte hinzufügen wollen, dass Peter Handke den Vexin in seinem letzten, 2017 erschienenen Roman „Die Obstdiebin“ beschrieben hat. Ob ich am Schluss meiner Einleitung noch anmerken würde, dass ich den Roman im Januar zufällig zu lesen begonnen hatte, wollte ich spontan entscheiden.

Darüber, wie über vieles andere, das ich mir auch noch ausgedacht hatte, verlor ich kein Wort. Vielmehr sagte ich gleich zu Beginn, dass es sich bei meinem Vorschlag für ein „Grötzinger Tor“ auf dem Grötzinger Friedhof zunächst einmal um eine Art Wand handle, nämlich um die uranfängliche Wand, durch die wir gehen mussten oder durften, als wir zur Welt kamen oder die Welt zu uns kam. Zugleich sei das jene Wand, durch die wir alle eines mehr oder weniger fernen Tages diese Welt wieder verlassen müssen oder auch dürfen, ob das eine oder das andere, werde man dann sehen. Darauf hinzuweisen, dass es am Tag der Tage vor der Nacht der Nächte keine Rolle spielen wird, zu welcher Partei des Ortschaftsrats wir gehörten oder welche künstlerische „Position“ wir vertraten, hatte ich nicht den Nerv.

Stattdessen sagte ich, dass die symbolisch zu verstehende Wand als real existierende Eichenholzwand zwei Meter zehn hoch, siebzig Zentimeter breit, zehn Zentimeter dick und von einem Rahmen aus Edelstahl eingefasst sei. Über die vertikal verlaufende, spindelförmige Öffnung in ihrer Mitte schwieg ich mich aus, aber dass diese vorhanden war, konnte ohnehin jeder sehen. Wäre es hilfreich gewesen anzumerken, dass, wer sich traue, statt spindelförmig auch vulvenförmig sagen dürfe? Interessant hätten vielleicht einige den ins Kunstgeschichtliche deutenden Hinweis gefunden, dass die Öffnung zugleich auch mandelförmig und damit ein Bezug zur sogenannten Mandorla (italienisch für Mandel), jenem mittelalterlichen Ganzkörper-Heiligenschein insbesondere bei Christus-Darstellungen, gegeben sei.

Im Anschluss an meine Bemerkungen zu einem zweiten inhaltlichen Hauptaspekt meines Vorschlags, nämlich dem der dichotomischen verbalen Gegenüberstellung von Anfang und Ende, Morgen und Abend, Beginn und Ende des Lebens, stellte man mir Fragen zur Haltbarkeit des Holzes, zur Größe des Fundaments und zum Sinn des von mir gewählten Arbeits-Titels „Grötzinger Tor“. Und das war’s dann. War’s das?