Attischer Existentialismus

In seinem 1920 zuerst erschienenen Werk „Gestaltwandel der Götter“ referiert Leopold Ziegler über den Begriff der Tragödie im urgriechisch-attischen Sinn. Leben heißt immer schon schuldig sein. Die Wiederherstellung seiner seelischen Integrität erlangt man nur, indem man, dem unausweichlich Notwendigen widerstrebend, ja den Kampf ansagend, dem Gott (paradigmatisch: Dionysos-Zagreus) nachleidet und nachstirbt. Geht es also letztlich nicht einfach nur darum, dem Leiden- und Sterben-Müssen eine reinigende, heiligende, mithin zu begrüßende Funktion zuzusprechen? Leid und Tod sind nicht lustig. Die gute Nachricht lautete aber schon lange vor Jesus Christus: Nur durch Leid und Tod werden wir resakralisiert. Wo von Tragödie im attischen Sinn die Rede sein soll und darf, muss ein Moment des Widerstands gegen das Unausweichliche (im Wissen um die Fruchtlosigkeit jeglichen Sträubens) involviert sein. Was aber wäre, wenn man auf Widerstand verzichten und stattdessen „Schicksal nimm deinen Lauf“ sagen würde? Dann hätte man eben nicht das Zeug zum tragischen Helden, der kämpft, obwohl er weiß, dass er unterliegen muss und wird. Attischer Existentialismus. Man muss sich den tragischen altgriechischen Helden als einen glücklichen Menschen vorstellen.